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Gesunder Menschenverstand oder: Warum wir oft nicht wissen, was wir tun

 

Vor einigen Wochen hielt ich ein Gewaltpräventionstraining für Heimhilfen. Eine Mitarbeiterin erzählte folgende Geschichte: „Ich war bei einer Kundin und reinigte die Tischplatte. Dabei hob ich einen Blumentopf hoch, wobei mir die Kundin zusah. Nachdem ich etwas für sie aus dem Keller geholt hatte, ging sie zur Wohnungstür, sperrte ab, stellte sich vor die Tür und sagte: Sie haben mir meine Blumen gestohlen. Geben Sie sie mir sofort zurück, vorher lasse ich Sie nicht aus der Wohnung. Die Kundin ist eine große und kräftige Frau und ich wußte, dass ich keine Chance hatte, an ihr vorbei zu kommen. Nach einem Moment der Panik wurde ich ganz ruhig und sagte zu ihr: Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich Ihnen Blumen mit. Sie beruhigte sich, sperrte die Tür auf und die Sache war erledigt.“

Bei jedem Training höre ich Geschichten dieser Art. Wenn ich dann nachfrage, wie sie in diesem bedrohlichen Moment auf diese einfache und praktische Lösung gekommen sind, folgt meist ein Schulterzucken, und: „Ich weiß nicht – gesunder Menschenverstand?“

Was aber ist dieses „innere Wissen“ und wie kann ich es fördern und nutzen?

Menschenverstand – auch „Hausverstand“ genannt – entsteht durch Lebenserfahrung. Durch eigene Erlebnisse aber auch durch Geschichten, die uns andere erzählen, erweitert sich unser Repertoire, in herausfordernden Situationen spontan und (meistens) richtig zu reagieren. Interessant ist, dass es dabei nicht um Regeln geht, die wir befolgen – dafür ist meist gar keine Zeit – sondern dass wir eher auf ein gefühltes, leibliches Wissen zurückgreifen.

In so einer Situation geht es nicht darum, was ICH will (siehe Beispiel: Ich will aus der Wohnung raus) oder was das Gegenüber will (Ich will meine Blumen zurück), sondern: Was braucht ES in dieser Situation? Richte ich darauf den Blick, dann beruhigt sich mein Körper, ich verfalle nicht in Panik und die „Lösung“ kommt wie von selber.

„Theoretisch unterrichtet“ kann dieses Situationswissen nicht werden. Das ist der Grund dafür, warum wir in unserem Lehrgang soviel Wert darauf legen, dass die TeilnehmerInnen mit sich selbst, mit Berührung, Gespräch und den damit einher gehenden menschlichen Reaktionen praktische „Bekanntschaft“ machen und damit Schritt für Schritt leiblich-vertraut werden.

Hier liegt eine große Verantwortung für die Lehrenden: Verkörpertes Wissen entsteht nur dann, wenn ich in der Lernphase Erfolge habe d.h. wenn das, was ich tue, zum Wohle aller gelingt. Habe ich allzu viele Misserfolge oder bekomme destruktive Kritik, weiß ich zwar, wie es nicht geht, aber ich lerne nicht, zu spüren, wie es geht.

Realistischerweise muss gesagt werden, dass uns Menschenverstand nicht vor Fehlern bewahrt. Wer sagt denn, dass die Erfahrungen, auf die wir uns beziehen, nicht in negativen Situationen entstanden sind, dass wir uns eigentlich auf alte Wunden und Verletzungen beziehen? Ein professioneller Zugang bedeutet daher immer auch, sich mit den eigenen Verhaltensstrategien auseinanderzusetzen.

Eine kleine Erfolgsgeschichte zum Abschluss: Ein alter Mann bekommt wöchentlich Betreuung und hat so seine Probleme damit, wenn eine neue, ihm unbekannte Mitarbeiterin kommt. Vor kurzer Zeit war es wieder mal soweit, die „Neue“ kam, er war grantig und nicht sehr höflich. Nun hörte er gerade Musik, die er mochte und es traf sich, dass die Heimhilfe eines der Lieder kannte – und anfing, laut mitzusingen. Nicht nur sein Mund und seine Augen, auch sein Herz ging auf und seitdem sind sie die besten Freunde.

von Anton Stejskal