Heute möchte ich meine Gedanken und Erfahrungen dazu teilen, was Embodiment braucht, welche Voraussetzungen es sind, die verkörperte Selbstwahrnehmung ermöglichen oder begünstigen.
Embodiment braucht Zeit: unser Verstand kann sehr schnell sein und unser Verstand kann sich Erkenntnisse auch schnell aneignen. „Tief zu atmen ist gesund“… klar, hab ich verstanden. „Aufrecht zu stehen ist besser für meinen Rücken“… hört sich logisch an. Wenn wir den Leib dann aber einbeziehen, wenn wir ein Atemmuster umlernen wollen, wenn wir erfühlen, wie müheloses Stehen möglich wäre, dann brauchen wir Zeit.
Denn die Nervenbahnen der Interozeption, also unserer Innenwahrnehmung, leiten langsam. Und oft sind das die sensorischen Bahnen, die auch am wenigsten in Gebrauch sind, weil ein Großteil unserer Alltagswahrnehmung über die Exterozeption, also die Wahrnehmung unserer Umgebung, geschieht. In Embodimentprozessen gehen die Uhren oft anders. Sie sind wie Reisen, während derer wir tief eintauchen in einen Zustand der Zeitlosigkeit. Aber dafür braucht es … Zeit.
Embodiment braucht Raum: damit meine ich den physischen Ort. Klar, ich kann mich in allen möglichen Lebenssituationen selbst wahrnehmen und meine Wahrnehmung üben. Im Warten an der Kasse im Supermarkt, draussen beim Spaziergang in der Natur, in den öffentlichen Verkehrsmitteln usw. Aber wenn ich mich einlassen möchte auf Neues und auf ein Tiefergehen ist es hilfreich, wenn es einen Platz dafür gibt, der ruhig ist, der ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Am besten auch ein Raum, der für die Sinne einladend ist, also nicht zu laut, nicht zu grell, nicht zu kalt, nicht zu eng, nicht zu unhygienisch. Ein Raum mit einem Boden, der auch barfuß oder mit Socken begangen und betanzt werden kann. Der auch zum Liegen oder Rollen, eben zu ganz viel Körperbodenkontakt, einlädt.
Embodiment braucht die Bereitschaft, sich einzulassen: eigentlich logisch, aber doch nicht immer im Bewusstsein. Wenn es um verkörperte Selbstwahrnehmung geht, ist es wichtig, dass ich den Mut habe, mir selbst zu begegnen. In mir Empfindungen und Gefühle zu entdecken, die ich vielleicht noch nicht kenne, die mich überraschen und mein Bild von mir selbst eventuell verändern. Embodiment bedeutet eben nicht, eine bestimmte Körperübung zu machen um ein spezifisches, abgegrenztes Ergebnis zu erreichen. Sich einzulassen auf Vergessenes oder ganz Neues ist ein Teil dieser Reise nach Innen.
Embodiment findet in Begegnung statt: wir Menschen sind Resonanzwesen, wir sind auf instinktiv-leiblicher Ebene immer noch den Säugetieren ähnlich, abhängig von wohlwollender Nähe unserer Artgenossen. Wenn wir in friedlichem Kontakt mit anderen Menschen sind, entspannt sich unser Nervensystem. Die Anteile, die die Umgebung auf mögliche Gefahren hin scannen, kommen zur Ruhe, es ist möglich, die Augen zu schließen und uns unserem inneren Erleben anzuvertrauen. Wenn wir dieses dann teilen können und da jemand ist, der uns zuhört, der uns sieht und mitfühlt, festigt das die Wirksamkeit und Wahrhaftigkeit unseres Erlebens. Persönlicher Ausdruck fördert Integration. Die authentische Empfindung, die von einem anderen Menschen bezeugt wird, verwurzelt sich anders, nämlich tiefer, im eigenen Nervensystem.
Unser Leib ist immer auch Ausdruck unserer Beziehungen und Lebensgefüge. Damit Veränderung passieren kann, muss sie auch im Kontakt und Austausch mit anderen gelebt werden.

